Zum Hauptinhalt springen

Kontaktabbruch: einen Brief an das erwachsene Kind schreiben

Von der Redaktion Notre Livre · · 9 Min. Lesezeit

Ein aufgeschlagenes Buch neben einer Tasse Kaffee im Morgenlicht

Ein Kontaktabbruch kommt selten aus dem Nichts, auch wenn er sich so anfühlt. Meist liegt eine lange Geschichte dahinter: das Gefühl, nicht gehört zu werden, Kritik an der Partnerin oder am Lebensweg, eine Scheidung, eine alte Verletzung, über die nie gesprochen wurde. Die Journalistin Tina Soliman hat in ihrem Buch „Funkstille. Wenn Menschen den Kontakt abbrechen“ (Klett-Cotta, 2011) viele solcher Geschichten gesammelt, von beiden Seiten. Auffällig ist, wie oft die Gegangenen sagen, sie hätten es vorher lange versucht.

Ein Brief macht Jahre des Schweigens nicht ungeschehen. Er kann aber zeigen, dass Sie über Ihren Anteil nachgedacht haben, dass Sie nicht recht behalten wollen und dass die Tür offen bleibt. Mit dieser Haltung geschrieben, liest er sich völlig anders als ein Vorwurf in Briefform.

Was die Forschung über wirksame Entschuldigungen sagt

Ein Team um Roy Lewicki an der Ohio State University hat 2016 untersucht, wie 755 Menschen auf Entschuldigungen mit unterschiedlichen Bestandteilen reagieren (veröffentlicht in „Negotiation and Conflict Management Research“). Am wichtigsten war die Übernahme von Verantwortung, an zweiter Stelle das Angebot einer Wiedergutmachung. Am wenigsten wirkte die Bitte um Verzeihung.

Für Ihren Brief heißt das: Benennen Sie zuerst, was Ihr Anteil war, und sagen Sie, was Sie ändern. Um Vergebung zu bitten, ist nicht nötig. Oft wirkt es sogar wie Druck, weil es vom Kind eine Reaktion verlangt.

Vor dem Schreiben: drei ehrliche Fragen

  • Hat mein Kind mich gebeten, keinen Kontakt aufzunehmen? Wenn ja, schicke ich nichts. Das ist keine Formalität, sondern die Grenze, die es gezogen hat.
  • Was genau hat es mir damals gesagt, vielleicht mehrmals? Schreiben Sie die Sätze auf, die Sie noch im Ohr haben, auch die unbequemen. Sie sind der Kern des Briefes.
  • Schreibe ich, um etwas zu bekommen, oder um etwas zu sagen? Ein Brief, der eine Antwort braucht, ist eine Forderung. Ein Brief, der etwas anerkennt, ist ein Geschenk.

Ein Aufbau in fünf Teilen

  1. Warum Sie jetzt schreiben, in ein oder zwei Sätzen, ohne Klage über das Schweigen.
  2. Eine konkrete, gute Erinnerung, um an die Verbindung zu erinnern, nicht um ein schlechtes Gewissen zu machen.
  3. Was Sie anerkennen, mit Fakten: „Ich habe deinen Mann bei Familienfesten übergangen“, „Ich habe abgetan, was du mir 2019 über deine Kindheit erzählt hast“. Kein „aber“.
  4. Was Sie ändern, mit einer einzigen, überprüfbaren Zusage, die Sie halten können.
  5. Die offene Tür: Sie respektieren die Entscheidung, wie auch immer sie ausfällt, und sagen, wie man Sie erreicht, falls Ihr Kind es eines Tages möchte.

Wenn Sie viel zu sagen haben, eine lange gemeinsame Geschichte, mehrere Verletzungen und Erinnerungen, die zählen, kann aus diesem Aufbau auch ein kurzes Buch werden. Mehr dazu weiter unten und auf der Seite zum Entschuldigungsbuch.

Sätze, die Sie weglassen sollten

  • „Nach allem, was ich für dich getan habe“ macht aus dem Brief eine Rechnung.
  • „Es tut mir leid, falls du dich verletzt gefühlt hast“ verlegt das Problem in die Gefühle des Kindes.
  • „Deine Mutter ist krank und versteht das nicht“ benutzt einen anderen Menschen als Druckmittel.
  • „Ich brauche bis Weihnachten eine Antwort“ macht aus einer Entschuldigung ein Ultimatum.
  • „Ich weiß ja nicht einmal, was ich getan habe“ klingt wie ein Vorwurf. Besser: „Ich verstehe vielleicht nicht alles, aber so viel sehe ich.“
  • Ratschläge, Diagnosen oder Vermutungen über den Partner oder die Partnerin Ihres Kindes. Sie schreiben über sich, nicht über andere.

Ein vollständiges Beispiel

Liebe Anna,

ich schreibe dir, weil ich beim letzten Mal nicht wusste, wie ich mit dir reden soll, und ich nicht möchte, dass dieser Sonntag im März das Letzte bleibt, was ich gesagt habe.

Ich denke oft an den Sommer, in dem wir zusammen dein Zimmer gestrichen haben. Du warst zwölf und hast ein viel zu dunkles Blau ausgesucht. Ich habe dich wählen lassen, und du warst so stolz.

Seitdem habe ich dich nicht mehr oft wählen lassen. Als du mir Jonas vorgestellt hast, habe ich nach seinem Beruf gefragt, statt ihn kennenzulernen. Als du das Studium abgebrochen hast, habe ich vor der ganzen Familie gesagt, das sei ein Fehler. Ich habe geurteilt, wo du mich gebraucht hättest. Das tut mir leid.

Ich bitte dich nicht, zurückzukommen. Ich verstehe, dass es deine Entscheidung ist, ob und wann du wieder mit mir sprechen möchtest. Ich werde deine Entscheidungen nicht mehr kommentieren, und wenn du dich eines Tages treffen möchtest, dann dort, wo du willst, mit wem du willst.

Meine Nummer ist dieselbe. Ich habe dich lieb, ganz gleich, wie du dich entscheidest.

Papa

Achten Sie darauf, was dieser Brief nicht tut: Er sagt nie, was Anna gefühlt hat, er setzt keine Frist und er stellt den Schmerz des Vaters nicht in den Mittelpunkt. Er nennt konkrete Dinge und lässt die Entscheidung bei ihr.

SMS, Brief oder kurzes Buch?

FormPasst, wenn …Grenze
Kurze Nachrichtder Streit frisch ist und der Kontakt noch bestehtZu knapp für Jahre der Distanz
Handgeschriebener Briefdie Funkstille Monate oder Jahre dauertZwei, drei Seiten tragen nicht jede Erinnerung
Kurzes Buch (30 bis 60 Seiten)es viel zu sagen gibt: eine lange Geschichte, mehrere Verletzungen, gute ErinnerungenBraucht Zeit zum Erzählen, ein bis zwei Stunden Gespräch

Das Entschuldigungsbuch von Notre Livre folgt demselben Aufbau in sechs Kapiteln: warum ich dir schreibe, wir, was passiert ist, was ich anerkenne, was ich ändere, die offene Tür. Es entsteht aus einem geführten Gespräch, nur aus dem, was Sie erzählen: nichts wird erfunden, kein Dialog wird ausgedacht. Vor dem Gespräch stellen wir drei Sicherheitsfragen, und Sie lesen die erste Seite kostenlos, bevor Sie etwas bezahlen.

Wann Sie nicht schreiben sollten

Hat Ihr Kind Sie gebeten, keinen Kontakt aufzunehmen, hat es Sie blockiert oder besteht eine gerichtliche Anordnung, schicken Sie nichts, auch keinen Brief und kein Buch. Druck repariert keine Beziehung, er bestätigt nur, warum der Abstand nötig war. In diesem Fall schreiben wir das Buch nicht, und das Projekt wird ohne Kosten storniert.

Schreiben Sie den Brief trotzdem, für sich, und bewahren Sie ihn auf. Eine Familienberatungsstelle oder eine Selbsthilfegruppe für Eltern nach einem Kontaktabbruch kann helfen, mit dem Schweigen zu leben. In einer akuten Krise erreichen Sie die TelefonSeelsorge Tag und Nacht kostenlos unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.

Fragen und Antworten

Wie lange sollte ich nach dem Kontaktabbruch warten, bevor ich schreibe?

Es gibt keine feste Frist. Lassen Sie die erste Wut vergehen und schreiben Sie dann einmal, in Ruhe. Hat Ihr Kind nicht ausdrücklich um Kontaktpause gebeten, ist ein Brief pro Jahr eine vernünftige Obergrenze.

Soll ich nachhaken, wenn keine Antwort kommt?

Nein. Schweigen ist eine Antwort, die man respektieren muss. Nachfragen verwandeln eine Entschuldigung in Druck. Sagen Sie im Brief, dass die Tür offen bleibt, und warten Sie.

Handschriftlich oder am Computer?

Bei langer Funkstille zeigt ein handgeschriebener oder gedruckter Brief, dass Sie sich Zeit genommen haben. Was Sie sagen, zählt aber mehr als die Form.

Darf ich die Enkelkinder erwähnen?

Nur, um zu sagen, dass Sie jede Entscheidung dazu respektieren. Den Wunsch, die Enkel zu sehen, als Argument zu benutzen, wirkt wie Druck und schließt die Tür meist weiter.