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Brief an den Ex: ehrlich schreiben, ohne Druck

Von der Redaktion Notre Livre · · 9 Min. Lesezeit

Ein aufgeschlagenes Notizbuch und ein Stift neben einer Tasse Kaffee

Nach einer Trennung bleibt oft etwas Unausgesprochenes: eine Entschuldigung, die nie kam, ein Dank, eine Erklärung. Ein Brief kann das aufnehmen, wenn er ehrlich ist und nichts erzwingen will.

Viele Ratgeber versprechen, mit dem richtigen Brief den Ex zurückzugewinnen. Das ist nicht der Ansatz hier. Ein Brief zum Nachdenken richtet sich an einen Menschen, der selbst entscheidet. Genau deshalb kann er etwas bewegen, und genau deshalb darf er nichts fordern.

Wozu ein Brief an den Ex taugt

Es gibt drei gute Gründe, einem früheren Partner zu schreiben: um sich für etwas Konkretes zu entschuldigen, um eine offene Frage zu klären oder um sich zu verabschieden. Ein vierter Grund, den Ex unter Druck zu setzen, ist keiner.

Fragen Sie sich vor dem Schreiben ehrlich: Schreibe ich für die andere Person oder für mich? Beides ist erlaubt. Aber wenn es vor allem um Sie geht, kann der Brief auch in der Schublade bleiben und trotzdem helfen.

Was die Forschung über Entschuldigungen sagt

Ein Team um Roy Lewicki von der Ohio State University ließ 2016 rund 755 Personen Entschuldigungen bewerten, die aus sechs Bausteinen zusammengesetzt waren (Negotiation and Conflict Management Research). Am wichtigsten war das Eingeständnis der eigenen Verantwortung, gefolgt vom Angebot einer Wiedergutmachung. Am wenigsten wirkte die Bitte um Verzeihung.

Für einen Brief an den Ex heißt das: Benennen Sie zuerst, was Sie getan haben. Die Bitte um eine neue Chance gehört nicht an den Anfang, und oft gehört sie gar nicht hinein.

Der Aufbau in fünf Schritten

  1. Warum Sie jetzt schreiben, in ein oder zwei Sätzen, ohne Vorwurf.
  2. Eine wahre, konkrete Erinnerung an das, was gut war.
  3. Ihr Anteil, mit Fakten: „Ich habe dich bei deinem Umzug allein gelassen“, nicht „es tut mir leid, wie alles gelaufen ist“.
  4. Was Sie daraus gelernt haben oder inzwischen anders machen, ohne große Versprechen.
  5. Die Freiheit der anderen Person: keine Frist, keine Bitte um Antwort, keine Drohung, keine Erpressung mit Gefühlen.

Ein vollständiges Beispiel

Liebe Julia,

ich schreibe dir, weil ich bei unserem letzten Gespräch nur verteidigt habe und nicht zugehört. Das möchte ich nicht so stehen lassen.

Ich denke oft an den Herbst, in dem wir die Wohnung in Leipzig gestrichen haben, mit viel zu wenig Farbe und viel zu viel Musik. Ich war glücklich mit dir.

Und ich sehe heute klarer, was ich falsch gemacht habe. Als du die neue Stelle angefangen hast, habe ich jeden Abend über meine Arbeit geredet und kaum nach deiner gefragt. Als du gesagt hast, dass du dich allein fühlst, habe ich das als Übertreibung abgetan. Das war nicht fair.

Ich schreibe nicht, um dich umzustimmen. Deine Entscheidung respektiere ich. Ich wollte nur, dass du weißt, dass ich verstanden habe, was ich dir schuldig geblieben bin. Ich mache seit dem Frühjahr eine Therapie, für mich, nicht als Argument.

Du musst mir nicht antworten. Ich wünsche dir von Herzen alles Gute.

Jonas

Was dieser Brief nicht tut: Er beschreibt nicht, was Julia gefühlt haben muss, er bittet nicht um ein Treffen und er setzt keine Frist. Er erkennt an und lässt los. Gerade deshalb kann er zum Nachdenken anregen.

Was nicht in den Brief gehört

  • „Ich kann ohne dich nicht leben“: Das ist Druck, keine Liebeserklärung.
  • „Es tut mir leid, aber du hast auch…“: Alles nach dem „aber“ hebt die Entschuldigung auf.
  • Fragen nach einem neuen Partner oder einer neuen Partnerin.
  • Fristen wie „Wenn ich bis Weihnachten nichts höre, …“.
  • Erinnerungen, die vor allem Schuld wecken sollen.
  • Mehrere Briefe hintereinander. Einer genügt.

Brief, Nachricht oder ein kleines Buch?

Nach einer kurzen Beziehung reicht oft eine ehrliche Nachricht. Nach vielen gemeinsamen Jahren passt ein handgeschriebener Brief besser, weil er zeigt, dass Sie sich Zeit genommen haben.

Wenn die Geschichte lang ist und vieles anerkannt werden will, wählen manche ein kurzes Buch statt eines Briefs. Das Entschuldigungsbuch von Notre Livre entsteht aus einem geführten Gespräch und umfasst 30 bis 60 Seiten, geschrieben nur aus dem, was Sie erzählen, in der Reihenfolge einer echten Entschuldigung. Es erfindet nichts, setzt die andere Person nicht unter Druck und verspricht kein Ergebnis. Vor dem Gespräch klären drei Sicherheitsfragen, ob ein Kontakt überhaupt angemessen ist; die erste Seite lesen Sie kostenlos.

Wann Sie nicht schreiben sollten

Hat Ihr Ex Sie gebeten, keinen Kontakt aufzunehmen, hat er oder sie Sie blockiert oder gibt es eine gerichtliche Anordnung nach dem Gewaltschutzgesetz, schicken Sie nichts, auch nicht über Freunde oder per Post. Das zu respektieren ist die eigentliche Entschuldigung, und ein Verstoß kann strafbar sein.

Schreiben Sie den Brief dann für sich und bewahren Sie ihn auf. Wenn Sie die Trennung sehr belastet, ist die TelefonSeelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 erreichbar. Frauen, die Gewalt erleben, finden beim Hilfetelefon unter 116 016 Unterstützung.

Fragen und Antworten

Kann ich meinen Ex mit einem Brief zurückgewinnen?

Ein Brief kann zum Nachdenken anregen, aber niemand kann einen anderen Menschen zurückgewinnen. Die Entscheidung liegt bei der anderen Person. Schreiben Sie so, dass der Brief auch dann richtig ist, wenn die Antwort Nein lautet.

Wie lange sollte ich nach der Trennung warten?

Lassen Sie die erste Wut und Trauer abklingen, meist einige Wochen. Schreiben Sie, wenn Sie den Brief ohne Erwartung abschicken können.

Handschrift oder Nachricht?

Nach einer langen Beziehung wirkt ein handgeschriebener oder gedruckter Brief persönlicher. Entscheidend ist aber der Inhalt, nicht das Papier.

Was, wenn keine Antwort kommt?

Dann ist das die Antwort. Fragen Sie nicht nach und schreiben Sie keinen zweiten Brief. Sie haben gesagt, was Sie sagen wollten.